Bologna und kein Ende
Gepostet am 1. November 2009 - 20:51 von Robsi
Was die für Wissenschaft und Bildung zuständigen MinisterInnen
1999 in Bologna unterschrieben haben, ist
sozusagen die freiwillige Vereinbarung, durch gemeinsames
Vorgehen in der Bildungspolitik eine europaweite
Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse zu erreichen.
Weitere Ziele waren die Erhöhung der Mobilität, der
Wettbewerbs- und Beschäftigungsfähigkeit. Im Folgenden
ein paar Hintergrundinfos zum Bolognaprozess.
Welchen Hintergrund hat diese Vereinbarung?
Die EU ist eine Wirtschaftsgemeinschaft. Dementsprechend
beschränken sich die Freiheiten innerhalb der
EU meist auf die Freiheit der UnternehmerInnen, überall
in Europa Geschäfte machen zu können. Deshalb
kann als Grundtenor des Bolognaprozesses der Slogan
„Ökonomisierung der Bildung“ gelten: Bildung wird zur
Ware gemacht, weil es das ist, womit Unternehmer am
besten arbeiten können – mit Waren. In der fröhlichen,
bunten Konsum- und Wegwerfgesellschaft, die ihnen
vorschwebt, opfern sich brave, graue Lemminge für ihren
Betrieb auf, sind flexibel, mobil und trösten sich mit
Fernsehen und Konsumwaren, wenn die Lebensdepression
wieder mal vor der Tür steht. Vergleichbare Studienabschlüsse
machen also aus kreativen Personen mit
individueller Geschichte und individuellen Qualifikationen
leicht „schubladisierbare“ Massenware.
Wie soll das geschehen?
Der Trick ist einfach: Durch die Einführung des European
Credit Transfer Systems (ECTS) sollen Lernleistungen in
ein Punktesystem gepresst werden. Für eine individuelle
Lernleistung von 25 bis 30 Stunden soll 1 ECTS-Punkt
auf dem Bildungskonto gutgeschrieben werden. Leider
ist die Vergleichbarkeit dadurch eingeschränkt, dass den
Lehrenden überlassen wird, die entsprechende Anzahl
für Ihre LV festzulegen. Falsche Einschätzungen könnten
daher im schlimmsten Fall zu zu geringen Bewertungen
führen, jedenfalls ist der Ansatz von äußerst subjektiven
Faktoren abhängig – und damit der Versuch, Bildung
quantitativ zu messen von vornherein zum Scheitern
verurteilt!
Warum die Einführung des Bakkalaureats?
Auch die Aufteilung des Studiensystems in die drei Teile
Bachelor/Master/PhD – und somit das Auslaufen der
alten Diplome – ist besonders auf die Kriterien Wettbewerbs-
und Beschäftigungsfähigkeit ausgerichtet und
erhöht obendrein künstlich die (in Österreich sehr niedrige)
AkademikerInnenquote: Der Sellout im akademischen
Bereich verschafft zwar vielen, die früher das Studium
abgebrochen hätten, einen tertiären Abschluss,
institutionalisiert und legalisiert aber dadurch auch
mangelnde Beherrschung des Faches und schwächt
die Position von AkademikerInnen gegenüber der Wirtschaft.
Denn BakkalaureatInnen kosten weniger und haben
wegen der verkürzten Ausbildung tendenziell mehr
Berufserfahrung. Dennoch: Wer möchte sich denn schon
einen Arzt vorstellen, der statt seines Doktors nur das
Bakkalaureat gemacht hat? Ähnliche Probleme plagen
z.B. die Bildenden Künste: Um Künstler/in zu werden,
braucht es Zeit zur Entwicklung, zum Experimentieren,
zum Scheitern und neu anfangen. Kein Wunder, dass die
gegenwärtigen Proteste von dort ausgingen, denn Bildung
ist unteilbar!
Weitere Folgen der Ökonomisierung der Bildung
Der massive Versuch, Bildung in ein Korsett zu zwängen,
das durch mathematische Berechnungen statistisch erfasst
werden kann, lässt sich natürlich auch anhand der
Veränderungen in den Studienplänen nachvollziehen:
nämlich an der massiven Verschulung derselben. Wo
freie Wahlfächer früher Platz zur individuellen, interessengeleiteten
Weiterbildung und Qualifikation boten
und sogar eine Umorientierung – sprich Studienwechsel
- leichter ermöglichten, müssen jetzt fixe Module
abgepaukt werden. Die gegenseitige Anrechnung von
absolvierten Stunden wird derartig erschwert, dass ein
Doppelstudium in Zukunft wohl kaum mehr möglich
sein wird. Die Freiheit der Studierenden, aus gewissen
persönlichen Gründen und Bedürfnissen heraus Fächer
zu wählen und individuell zusammenzustellen, wird also
klar eingeschränkt.
Fazit
Eigentlich ist es schon seltsam, wenn man bedenkt, wie
viel Kreativität in einer modernen Dienstleistungsgesellschaft
benötigt werden würde, gerade von denen, die
durch ihr Know-how das Rückgrat derselben bilden sollten.
Die gravierenden Veränderungen, die das Internet
gebracht hat, zeigen ein weitgehendes Bedürfnis nach
Individualisierung und gleichzeitig eines nach Vernetzung:
Grenzen werden aufgebrochen, fast jede/r kann
sich heute kreativ und seinen/ihren Interessen gemäß
einbringen. Dagegen ist die Methodik des Bologna-
Prozesses ein Dinosaurier, denn Massenproduktion für
die Massen ist ein Ansatz des 20. Jahrhunderts, der auch
in der Wirtschaft zu Gunsten der feinen Klinge immer
mehr aus der Mode kommen wird. Gut also, dass sich die
österreichischen Studierenden das nicht gefallen lassen
und eine Reform der Reform fordern.
Und auch in der Form der Proteste haben die Studis instinktiv
die richtige Wahl getroffen: Denn der Bologna
Prozess wurde von Regierungsmitgliedern europäischer
Staaten beschlossen, die nicht direkt gewählt sind. Mit
der basisdemokratischen Selbstorganisation der Proteste
wird klargestellt, für wen eigentlich die Gesetze
gemacht werden und wer sie eigentlich beschließen
sollte. Einfach herzugehen und das zu fordern, was eh
offensichtlich ist – wer hätte gedacht, dass das gerade in
Österreich möglich ist? Wäre schön, wenn die Protestierenden
diesmal damit auch noch durchkommen.
Clemens Plasser
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