Semesterstart: Auf in den Kampf um die (Sitz)plätze! - Warum Studieren schon zu Semesterbeginn für viele eine Qual ist
Gepostet am 31. Oktober 2009 - 17:20 von Robsi
Für zahlreiche StudentInnen bedeutet der Semesterbeginn
vor allem eines: langes Warten VOR dem Hörsaal
– auf dem Boden sitzen, Schweißausbrüche und
im schlimmsten Fall eine kleine Panikattacke IM Hörsaal,
weil man sich überlegt, dass man aus dem Saal nie
wieder lebend herauskommt, würde denn zufällig ein
Feuer ausbrechen. Schuld daran: Infrastruktur und Betreuungsverhältnisse
an den österreichischen Universitäten
lassen zum Teil zu wünschen übrig. Kämpfe um
Sitzplätze, stickige und überfüllte Hörsäle und Frustration
gleich zu Semesterbeginn sind die Folge.
Viele Studienrichtungen sind schon seit Jahren von genau
diesen Problemen betroffen. Vor allem die geisteswissenschaftlichen
Studien erfreuen sich in Österreich
immer größerer Beliebtheit, und so schrieben sich im
Wintersemester 2007/08 ein Drittel der erstmals immatrikulierten
Studierenden für ein solches Studium ein.
Auch die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften liegen
mit 19% der Studierenden weit vorne, gefolgt von den
Naturwissenschaften mit 15% und der Technik mit 14%.
Montanistik, Theologie oder Veterinärmedizin liegen
mit 1% ganz hinten.
Obwohl das Hochschulwesen in Österreich im Verlauf
der Jahre immer wieder ausgebaut und beispielsweise
Mitte der Neunziger um das Fachhochschulwesen erweitert
wurde, hat sich das Verhältnis von Studierenden
zu ProfessorInnen enorm verschlechtert. Im Studienjahr
2007/08 fielen an öffentlichen Universitäten 98 ordentliche Studierende auf 1 ProfessorIn
– ein Ungleichgewicht,
das eindeutig ein Problem darstellt.
Denn während sich die Zahl
der Studierenden von 1980/81 bis
2007/08 fast verdoppelt hat, kann
bei den Lehrenden keine Rede davon
sein. Ein Höchststand von ProfessorInnen
wurde im Studienjahr
2004/05 erreicht, mit einer Anzahl
von 2.274 Personen. Insgesamt
lehrten 2007 an öffentlichen Universitäten
32.165 Personen, wovon
13.743 Vollzeit beschäftigt waren.
Im Vergleich dazu lag die Zahl der
Studierenden im Wintersemester
07/08 bei 272.003, wovon 233.046
Personen an einer öffentlichen Universität
studierten. Ständig wächst
also der Bedarf an BetreuerInnen
und immer mehr Studierende kommen
auf eine Lehrperson.
Platz suchen oder wieder heimgehen?
Im Studienjahr 2006/07 fallen an
öffentlichen Universitäten durchschnittlich
15,9 ordentliche Studierende
auf eine Vollzeit-Lehrperson.
Auf Privatuniversitäten sieht das Betreuungsverhältnis
ein wenig besser
aus, mit 8,3 Studierenden pro
Lehrendem. Am besten steigen die
Fachhochschulen aus, mit „nur“ 7,2
Studierenden pro BetreuerIn.
Ein Blick in die vergangenen Semester
zeigt in vielen Studienrichtungen
massive Probleme. An das
Wintersemester 2005/06 erinnern
sich beispielweise viele TheaterwissenschaftlerInnen
sicherlich
noch mit Schrecken. Eine Vorlesung
über einen beliebten Regisseur löste
einen wahren Massenauflauf am
Uni-Campus Wien aus. Veranstaltet
in einem Hörsaal, der für etwa 450
Personen ausgelegt ist, wurde die
Vorlesung mit über 1.000 TeilnehmerInnen
abgehalten. Obwohl die
Vorlesung akustisch zusätzlich noch
in einen zweiten Hörsaal übertragen
wurde, waren die Bedingungen
rund um den Vortragenden untragbar.
Während dieser es mit Humor
nahm und überlegte, im nächsten
Semester eine Vorlesung zu einem
völlig unbekannten und unbeliebten
Regisseur anzubieten, litten vor
allem die Studierenden unter den
Bedingungen. Denn wenn etwa 2,2
Personen auf einen Sitzplatz kommen,
nützt es auch nichts mehr,
sich einzureden, das wäre einfach
„kuscheliger“.
Diverse Zulassungsbeschränkungen
mindern in der einen oder anderen
Lehrveranstaltung möglicherweise
die Missstände, eine produktive und
vor allem langfristige Lösung für das
Problem stellen diese aber sicherlich
nicht dar. Der Mangel an Lehrkräften
führt schließlich in weiterer
Folge zu einem Mangel an Lehrangebot,
das heißt, zu viele Studierende
wollen in zu wenige Lehrveranstal-
tungen und manche verlieren ein
ganzes Semester, wenn sie in ihrem
Wunschseminar keinen Platz mehr
bekommen. Das stellt vor allem für
die vielen berufstätigen Studierenden
ein besonders großes Problem
dar, denn diese können sich den
Zeitpunkt des Seminars oft nicht
aussuchen. Viele Lehrende kommen
den StudentInnen entgegen und
erhöhen die Teilnehmerzahlen für
ihre Kurse, doch auch dieser Methode
sind Grenzen gesetzt, denn
schließlich sollen für alle annehmbare
Studienbedingungen geschaffen
werden. Auch die Betreuung
von Diplomarbeiten stellt für viele
Lehrende und Studierende ein großes
Problem dar. Während die einen
nicht mehr wissen, wo ihnen
der Kopf steht, fragen sich die anderen,
ob und wo sie jemals einen
Betreuer finden sollen, der dann
auch wirklich die Kapazitäten hat,
produktiv zu betreuen. Politisch ist
die Situation der Hochschulen ein
immer wieder diskutiertes Thema
– spürbare positive Veränderungen
für Studierende gab es bisher kaum.
Ein Blick in den Universitätsbericht
2008 zeigt, welche Unis besonders
betroffen sind: Die WU Wien steht
im Wintersmester 07/08 mit 44,6
Studierenden pro Lehrperson ganz
oben auf der Skala der schlechten
Betreuungsverhältnisse, gefolgt von
der Uni Wien mit 32,4 und 28,6 an
der Universität Graz. Gut geht es
den StudentInnen auf der Uni für
Musik und darstellende Kunst in
Wien, die mit nur 4,2 Studierenden
pro Lehrperson das beste Ergebnis
erzielen. Bis bessere Bedingungen
für alle geschaffen werden braucht
man also weiterhin starke Nerven
und sollte im überfüllten Hörsaal
einfach die Ruhe bewahren, so gut
das eben geht.
Astrid Meixner
Quellen: Statistik Austria, „Bildung in Zahlen -
2007/08“; Universitätsbericht 2008 des bmwf
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